Wie viel Wahrheit verträgt eine Gesellschaft im Zeitalter von Deepfakes?

  • Moin, mich beschäftigt gerade die Frage, ob Deepfakes unsere Vorstellung von Wahrheit stärker verändern als klassische Propaganda oder Fake News. Wenn Bild, Ton und Video jederzeit überzeugend gefälscht werden können, reicht der Satz „Das ist doch eindeutig zu sehen“ künftig nicht mehr als Beweis.

    Entsteht daraus mehr Medienkompetenz – oder eher pauschales Misstrauen gegenüber allem? Und wer sollte festlegen, welche Prüfmechanismen gelten: Plattformen, der Staat, unabhängige Prüfer oder wir selbst? Ich glaube, die entscheidende Gefahr liegt nicht nur in der gefälschten Wahrheit, sondern darin, dass echte Aufnahmen einfach als Fake abgetan werden können. Wie gehen wir damit gesellschaftlich um?

  • Ich sehe Deepfakes als sehr große Gefahr. Wenn man sich dann noch anschaut, dass viel Politik scheinbar über Plattformen wie X gemacht wird, einen Sammelbecken für Falschaussagen, Hass, Hetze und Fakes, kann einem sehr schnell mulmig werden.

    Aber es muss ja nicht einmal um Politik gehen. Viele haben es schon erlebt: Das Telefon klingelt, dann ertönt die Stimme der eigenen Tochter, welche angeblich in Schwierigkeiten steckt und dringend Geld braucht .... da sind schon viel zu viele drauf reingefallen.

    Diese Zeiten hier sind auf jeden Fall vorbei: „Wenn es aussieht wie eine Ente, wie eine Ente quakt und wie eine Ente geht, dann ist es eine Ente.“

    Ich kaufe ein "F" und möchte lösen: 🔳uck A🔳D!

  • Der Enten-Satz hat leider ausgedient – zumindest als Beweisstück. Künftig kann es aussehen, quaken und laufen wie eine Ente und trotzdem nur ein ziemlich gut programmiertes Enten-Remix sein.

    Was mir dabei fast noch gefährlicher erscheint als der einzelne Fake, ist das pauschale „kann ja alles gefälscht sein“. Genau damit können sich Politiker, Firmen oder auch Privatleute aus der Verantwortung stehlen. Eine echte Aufnahme wird dann einfach als KI-Fälschung bezeichnet, bis niemand mehr weiß, woran er sich halten soll. Diese Möglichkeit hat sogar einen Namen, glaube ich: der sogenannte Lügner-Vorteil.

    Im Alltag dürfte deshalb weniger die perfekte technische Erkennung helfen als eine neue Gewohnheit: nicht auf die dramatische Nachricht reagieren, sondern erstmal über einen zweiten Kanal zurückrufen, eine andere Quelle suchen, Zeit gewinnen. Bei der angeblichen Tochter am Telefon wäre ein vorher vereinbartes Codewort vielleicht sinnvoll – klingt etwas nach Spionagefilm, ist aber vermutlich billiger als die ganze Deepfake-Abwehrindustrie.

    Bei politischen Inhalten bräuchte es zusätzlich nachvollziehbare Herkunftsnachweise für Medien, schnelle Korrekturen und klare Regeln für Plattformen. Aber selbst das wird kein Wahrheitsstempel sein. Am Ende wird Medienkompetenz wohl stärker bedeuten, Unsicherheit auszuhalten: „Ich weiß es noch nicht“ ist dann vielleicht die vernünftigste Antwort, auch wenn sie im Netz naturgemäß die wenigsten Likes bekommt.

  • Genau dieser „Lügner-Vorteil“ macht mir fast mehr Sorgen als der perfekte Fake selbst. Wenn jede Aufnahme reflexhaft als manipuliert gelten kann, gewinnt nicht die Wahrheit, sondern derjenige mit der größeren Reichweite und der besseren PR. „Beweise es erst mal“ klingt dann vernünftig, ist aber bei privaten Aufnahmen oder schnellen Nachrichten oft praktisch unmöglich.

    Deshalb sollte die Frage weniger lauten, ob ein einzelnes Video echt aussieht, sondern woher es kommt und ob es durch andere Quellen bestätigt wird. Herkunftsnachweise, signierte Originalaufnahmen und nachvollziehbare Prüfprotokolle könnten helfen – aber sie ersetzen kein Urteil. Und bei Geldforderungen am Telefon gilt wohl ganz banal: auflegen, selbst zurückrufen, zweiten Kanal nutzen. Technik kann Vertrauen absichern, aber sie kann uns das Denken nicht abnehmen.

  • …aber sie sind eben kein magischer Wahrheitsstempel. Auch eine signierte Aufnahme sagt zunächst nur, dass sie von einem bestimmten Gerät oder Konto stammt. Das Gerät kann gehackt sein, der Kontext kann fehlen und ein echter Mitschnitt kann trotzdem irreführend geschnitten werden. Die Wahrheit kommt leider selten mit einem hübschen Prüfsiegel daher.

    Wichtiger wäre deshalb ein mehrstufiges Verfahren: Herkunft der Datei, Zeit und Ort, unabhängige Bestätigungen und eine nachvollziehbare Dokumentation der Prüfung. Bei Nachrichtenredaktionen und Behörden sollte das Standard sein. Für den privaten Alltag kann man sich diese kleine Gewohnheit aneignen: nicht sofort weiterleiten, eine zweite Kontaktmöglichkeit nutzen und bei Geldforderungen grundsätzlich eine Pause einlegen. Wenn die angebliche Tochter am Telefon weint, ist „ich rufe dich über deine gespeicherte Nummer zurück“ kein Misstrauen, sondern gesunder Menschenverstand.

    Problematisch finde ich, wenn Plattformen bloß Warnhinweise einblenden und die Verantwortung damit beim einzelnen Nutzer abladen. Ein kleiner Hinweis „möglicherweise manipuliert“ hilft wenig, wenn der Beitrag bereits millionenfach geteilt wurde. Gleichzeitig möchte ich auch keine zentrale Wahrheitsbehörde, die nach undurchsichtigen Regeln entscheidet, was sichtbar bleiben darf. Vielleicht braucht es eher unabhängige Prüfstellen mit offen gelegten Kriterien und klaren Einspruchsmöglichkeiten.

    Die entscheidende Ressource dürfte am Ende nicht perfekte Gewissheit sein, sondern Vertrauen in Verfahren. Also: Wer hat geprüft, nach welchen Regeln und was ist noch unklar? Das ist weniger spektakulär als ein „echtes“ Video, aber vermutlich die robustere Form von Wahrheit. Die Frage wäre dann, ob wir als Gesellschaft bereit sind, solche langsamen Verfahren auszuhalten, wenn der digitale Stammtisch längst die nächste Empörungsrunde eröffnet hat.

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