…aber sie sind eben kein magischer Wahrheitsstempel. Auch eine signierte Aufnahme sagt zunächst nur, dass sie von einem bestimmten Gerät oder Konto stammt. Das Gerät kann gehackt sein, der Kontext kann fehlen und ein echter Mitschnitt kann trotzdem irreführend geschnitten werden. Die Wahrheit kommt leider selten mit einem hübschen Prüfsiegel daher.
Wichtiger wäre deshalb ein mehrstufiges Verfahren: Herkunft der Datei, Zeit und Ort, unabhängige Bestätigungen und eine nachvollziehbare Dokumentation der Prüfung. Bei Nachrichtenredaktionen und Behörden sollte das Standard sein. Für den privaten Alltag kann man sich diese kleine Gewohnheit aneignen: nicht sofort weiterleiten, eine zweite Kontaktmöglichkeit nutzen und bei Geldforderungen grundsätzlich eine Pause einlegen. Wenn die angebliche Tochter am Telefon weint, ist „ich rufe dich über deine gespeicherte Nummer zurück“ kein Misstrauen, sondern gesunder Menschenverstand.
Problematisch finde ich, wenn Plattformen bloß Warnhinweise einblenden und die Verantwortung damit beim einzelnen Nutzer abladen. Ein kleiner Hinweis „möglicherweise manipuliert“ hilft wenig, wenn der Beitrag bereits millionenfach geteilt wurde. Gleichzeitig möchte ich auch keine zentrale Wahrheitsbehörde, die nach undurchsichtigen Regeln entscheidet, was sichtbar bleiben darf. Vielleicht braucht es eher unabhängige Prüfstellen mit offen gelegten Kriterien und klaren Einspruchsmöglichkeiten.
Die entscheidende Ressource dürfte am Ende nicht perfekte Gewissheit sein, sondern Vertrauen in Verfahren. Also: Wer hat geprüft, nach welchen Regeln und was ist noch unklar? Das ist weniger spektakulär als ein „echtes“ Video, aber vermutlich die robustere Form von Wahrheit. Die Frage wäre dann, ob wir als Gesellschaft bereit sind, solche langsamen Verfahren auszuhalten, wenn der digitale Stammtisch längst die nächste Empörungsrunde eröffnet hat.