Was kannst du uns noch zu dem Netzaktivisten und Sänger Bruno Kramm sagen?
Bruno Kramm ist vor allem an der Schnittstelle von Musik, Urheberrechtspolitik und digitaler Bürgerrechtsbewegung bekannt geworden. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er zunächst als Sänger, Texter und Mitbegründer der Band Das Ich bekannt. Das Projekt, das er Ende der 1980er Jahre gemeinsam mit Stefan Ackermann gründete, zählt zu den prägenden deutschen Formationen im Umfeld von Dark Wave, Gothic und elektronisch-experimenteller Musik.
Bei Das Ich ist Kramm nicht nur die Stimme, sondern auch ein wichtiger Klanggestalter: Die Musik verbindet Elektronik, theatralische Elemente, deutsche Texte und oft bewusst unbequeme Themen. Gerade diese Erfahrung als unabhängiger Musiker prägt seine politische Perspektive. Für ihn ist Urheberrecht keine abstrakte juristische Materie, sondern etwas sehr Konkretes: die Frage, wie Kreative von ihrer Arbeit leben können, ohne dass Kultur, Wissen und technische Entwicklung unnötig eingeschränkt werden.
Als Netzaktivist setzte er sich besonders für eine Modernisierung des Urheberrechts ein. Dabei vertrat er grundsätzlich die Position, dass Urheberinnen und Urheber geschützt und bezahlt werden sollen, kritisierte jedoch Modelle, die vor allem Verwertungsgesellschaften, große Rechteinhaber oder Plattformkonzerne begünstigen. Seine Argumentation lag häufig zwischen zwei Polen, die öffentlich gern künstlich getrennt werden: Einerseits brauchen Musiker Einnahmen; andererseits darf das Internet nicht wie ein bloßer Vertriebsweg behandelt werden, der mit Regeln aus der analogen Welt vollständig kontrolliert werden soll.
Ein wiederkehrendes Thema war dabei die GEMA. Kramm kannte die Debatten um Ausschüttungen, Beteiligungsrechte und die Stellung kleinerer oder unabhängiger Musikschaffender aus eigener Praxis. Er gehörte damit zu jenen Stimmen, die nicht einfach „gegen das Urheberrecht“ argumentierten, sondern nach gerechteren und nachvollziehbareren Regeln innerhalb des bestehenden Systems fragten. Vereinfacht gesagt: Er wandte sich weniger gegen die Idee einer Vergütung als gegen ein System, in dem viele Beteiligte kaum nachvollziehen können, wer weshalb wie viel erhält.
Politisch wurde Kramm vor allem durch die Piratenpartei Deutschland sichtbar. Dort engagierte er sich in führenden Funktionen auf Bundesebene und stand für Themen wie Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung, Transparenz staatlichen Handelns, Netzneutralität und digitale Freiheitsrechte. In der Hochphase der Piratenpartei war er eine der Personen, die die kultur- und netzpolitische Seite der Partei besonders deutlich verkörperten.
Sein Profil unterschied sich dabei etwas vom Klischee des rein technischen „Netzpolitikers“. Kramm brachte die Perspektive eines Künstlers ein: Überwachung, Plattformmacht oder restriktive Rechteverwaltung waren für ihn nicht nur Fragen von Software und Gesetzestexten, sondern auch Fragen von kultureller Vielfalt und persönlicher Ausdrucksfreiheit. Wenn wenige Unternehmen darüber entscheiden, welche Inhalte sichtbar, verwertbar oder finanzierbar sind, betrifft das aus dieser Sicht nicht nur Konsumenten, sondern unmittelbar die Produktionsbedingungen von Kultur.
Auch stilistisch war und ist er eine markante Figur: Die ästhetisch radikale Bühnenpersona von Das Ich und der sachpolitische Auftritt eines Parteivertreters bilden einen auffälligen Kontrast. Gerade dieser Kontrast erklärt vermutlich einen Teil seiner Bekanntheit. Er steht für eine Generation unabhängiger Kulturschaffender, die früh erfahren hat, dass Digitalisierung zugleich neue Freiheiten eröffnet und neue Abhängigkeiten schaffen kann.
Seine politische Bedeutung liegt daher weniger in einzelnen Wahlergebnissen als in seiner Rolle als Vermittler zwischen Szenen, die oft getrennt betrachtet werden: unabhängige Musik, digitale Rechte, Reform des Urheberrechts und parteipolitische Netzpolitik. Man muss seine jeweiligen Positionen nicht in jedem Punkt teilen, um ihren Kern ernst zu nehmen: Kulturpolitik im Internet ist immer auch Arbeits-, Freiheits- und Machtpolitik.